Samstag, 6. November 2010

Museo

Ich war den ganzen Tag durch die majestätischen Säle gewandelt, hatte mich winzig gefühlt zwischen den Meisterwerken, aber nicht weniger unsterblich. Hatte nach Erkenntnissen gesucht, in der kindischen Hoffnung, einen Zusammenhang des Schönen, ein Rezept zu finden in den Klängen der Farben, den Momenten, die Jahrhunderte gewährt hatten. Hatte aufmerksam der Geschichte jedes einzelnen Blickes gelauscht, bis mein eigener vor Anstrengung schon ganz verschleiert war, bis ich den einen nicht vom anderen unterscheiden und keine Szenerie im Ganzen mehr erfassen konnte. Erschöpft setzte ich mich schließlich auf eine der Bänke, in deren Blickfeld mir die ganze lange Flucht der Museumssäle noch gewaltiger erschien. Lange konnte ich noch nicht gesessen haben, als ich den Mann mit dem kantigen Gesicht neben mir bemerkte kam es mir vor, als hätte ich mich schon zu ihm auf die Bank gesetzt. Die Situation war mir unangenehm, ich wollte aufstehen und mich Anderem zuwenden, im Grunde wollte ich überhaupt schon gehen. Einen Sekundenbruchteil aber, bevor ich mich in Bewegung setzte, sah der Mann zu mir hinüber und sagte: "Guten Tag." Erschrocken blickte ich zurück, aber zu mehr war ich auch nicht im Stande. Ich erstarrte in dieser dramatischen Pose - ganz wie die Figuren in Öl und Leinwand rund um mich erstarrt waren.
 Dann, einige Sekunden später, brachte ich ein Räuspern und so etwas wie ein winziges Nicken fertig, und schließlich, noch etwas später, auch eine Art vokalisches Geräusch. Der Mann lachte ein kleines, schelmisches Lachen und fragte mich: "Haben Sie Zeit für einen Ausflug?" Zugegeben, ich war neugierig, welcher Art ein Ausflug mit diesem Fremden sein sollte, der offenbar willkürlich Menschen im Museum ansprach. Ich schüttelte dennoch den Kopf. Nein, ich hätte schon vor Stunden gehen wollen. Der ältliche Mann wandte das Gesicht ab und wog das Gewicht der Entscheidung in einer weich federnden Geste: "Es liegt mir fern, Sie von Wichtigerem abzuhalten. Nur eines verspreche ich Ihnen: Wenn sie jetzt aufstehen und gehen, werden Sie für den Rest Ihres Lebens an dieser Entscheidung zweifeln." Der Kerl missfiel mir zusehends. Wozu wollte er mich erpressen, und weshalb gelang es ihm so gut? "Wohin führt uns der Ausflug?" fragte ich. Er zuckte näckisch mit den Schultern. "Das meine Liebe, hängt allein an Ihnen."
 Ich war inzwischen sicher, dass es sich um die Avancen eines alten Schwerenöters handelte, er hatte mir meine ganzen schönen Kunstgedanken schon beinahe vertrieben, grollend erhob sich meine Alltagshaltung aus dem Taumel meiner Sinne. Im selben Moment schien der Fremde seltsam zu verblassen, das dunkle Sofa trat aus dem hellen Hemd hervor. Sieh an, ein handfestes Hirngespinst, sagte ich zu mir selbst und beobachtete interessiert das offensichtliche Dahinschwinden meines Verstandes. Schnell schickte ich alle Logik dorthin, wo der Pfeffer wächst und siehe da, der Mann gewann wieder Struktur. "Wer sind Sie?" fragte ich, misstrauisch und doch begeistert. Er lachte wieder. Er schien immer zu lachen, wenn er sprach. "Haben Sie sich diese Frage nicht gerade selbst beantwortet?" "Aber Namen kann ich Ihnen keinen geben." "Es wird sich einer finden", gab er zur Antwort und sprang auf, viel flinker, als ich es ihm zugetraut hätte. Er streckte mir seinen Arm entgegen, in einer altmodischen Höflichkeit, die ich an jedem Anderen kritisiert hätte. "Wohin?", ich zögerte noch, seiner Einladung zu folgen, ich war nicht sicher, ob ich alle Orte sehen wollte, an die er mich bringen konnte.
 "Vielleicht habe ich Zweifel über unsere Reisegemeinschaft offen gelassen, ich möchte mich in diesem Falle entschuldigen: Ich bin Ihr Begleiter, Sie selbst sind es, die unsere Expedition leiten wird." "Expedition?" "An einen beliebigen Punkt, den Ihr Vorstellungsvermögen hervorzubringen vermag." "Und an beliebig viele?" Zum ersten Mal lag etwas anderes als Heiterkeit in seiner Stimme, etwas wie Bedauern, als er verneinte. "Bloß an einen. Aus allen Möglichkeiten müssen Sie die Eine wählen. Zu diesem Zeitpunkt jedenfalls." Und aus dem letzten Satz lugte schon wieder ein Zipfel schelmischen Lachens. Ich überlegte. Ein Ort? Zögernd nahm ich seinen Arm. Seltsam, dachte ich, dass wir keiner Menschenseele begegneten, wenige Minuten zuvor war ich ständig über Reisegruppen gestolpert, hatte mich durch Schulklassen gekämpft. In einem Nebenraum, der mir zuvor nicht aufgefallen war, schlug er einen samtenen Vorhang zur Seite und gab den Blick frei auf zwei Fenster, die in den angrenzenden Park wiesen. Fragend blickte ich ihn an. "Es wird nichts geschehen, wenn Sie es nicht wünschen." leise, beschwichtigend sprach er in mein Ohr und wies mit der linken Hand zwischen die beiden Fenster. Da bemerkte ich sie: Die nahezu unsichtbare Tapetentür, die, sofern man in dieser Situation dem Raumgefüge hätte trauen können, direkt aus dem dritten Stock ins Freie führen musste. Ein Ort.
Die Berührung meiner Fingerspitzen reichte aus, den Eingang aufspringen zu lassen. Wir schritten hindurch, wie selbstverständlich machte ich meine Augen zu, gleich hinter uns fiel die leichte Tür mit einem winzigen Geräusch ins Schloss. Ein diffuses Rauschen drang an meine Ohren - nicht unmelodisch, es hätte eine Sinfonie sein können, ebenso gut aber der Klang einer vertrauten Stimme, das Surren einer Waschmaschine im Schleudergang, plätscherndes Wasser oder Vogelgezwitscher. Das Geräusch ging schier nahtlos in ein fühlbares Prickeln über, als wäre ich in ein Glas Zitronenbrause gefallen. Elektrizität, schoss es mir durch den Kopf, da öffnete ich unwillkürlich meine Augen. Ich fand mich an einer Küste wieder, deren Anmutung mir zunächst nicht anders als bleiern zu beschreiben in den Sinn kam. Spröde Felsen, feiner Kies, der wogende Ozean, ja selbst die Wolken am Himmel schienen aus hell schimmerndem Blei gegossen, und in Sekundenschnelle abgekühlt, erstarrt in der Bewegung. Die jenem Orte innewohnende Lebendigkeit hatte doch mehr mit Quecksilber gemein als mit schwerem Blei, in dem Surren lag die Sehnsucht nach Berührung und Veränderung, als wolle alles hier zur Verwandlung genutzt werden, ohne sich deshalb auf eine Gestalt festzulegen. Eine Weile stand ich da und staunte, vergaß vor Verblüffung beinahe zu atmen. Zu meinen Füßen lag eine große, bleierne Muschel. Ich hob sie auf, sie erschien mir leichter als eine Feder. Auf meinen Fingerspitzen balancierte ich das schöne Gebilde, und als ich sie rasch unter ihm wegzog, da verharrte es einige Momente an jener Stelle, bis es seinen langsam kreiselnden Sinkflug antrat. Unten angekommen aber zerbarst die Muschel wie eine Vase auf dem Steinboden. Stücke stoben nach allen Seiten auseinander, doch kamen sie nicht wieder auf, vielmehr veränderten sie ihre Form zu silbrigen Kugeln, von Murmel- bis Tennisballgröße, und flogen hinaus über den glitzernden Ozean, wie Seifenblasen aus Quecksilber. Ich sah mich nach meinem Begleiter um, der in höflichem Abstand zu mir stehen geblieben war und still, aber mit zuckenden Mundwinkeln, das Geschehen beobachtet hatte. Dankbar lächelte ich zurück. Mit einer kleinen Verbeugung reichte er mir seine Hand und ich nahm sie, denn spätestens hier waren alle meine Bedenken nichtig geworden. Mit einem Mal machte er einen Satz in die Höhe, stieg auf in die Lüfte und riss mich mit sich. Ich erschrak, wenn auch weniger, als den Umständen angemessen gewesen wäre, und als wir Hand in Hand immer höher stiegen, den Silberblasen hinterher, und das Zirpen des Weltalls, denn das und nichts Anderes musste jenes Knistern bedeuten, mich wie ein vibrierendes Luftkissen umfing, wurde ich euphorisch. "Wohin bringst du mich, du rätselhafter Fremder?" "Ich bin enttäuscht, dass du mich einen Fremden nennst." "Ach Grinsekatze, nimm es nicht so schwer. Erklär mir dann, weshalb kann ich mich nicht daran erinnern, dir je zuvor begegnet zu sein." "Wir sind uns mit Sicherheit schon hundert Mal begegnet. Früher sprachen wir wie enge Freunde. Ich hatte dein bedingungsloses Vertrauen." "Das hast du wieder." "So etwas solltest du nicht sagen. Behalte es lieber bei dir, dein Vertrauen." "Weshalb?" "Weil du sonst niemals über mich hinauswächst." Weiter sprachen wir nicht, denn am Horizont wurde ein bleierner Berg sichtbar, dessen Gipfel in Flammen stand. Darüber verschlug es mir die Sprache. Es kam mir in den Sinn, was das Ziel unserer Reise war, und ich mochte dem Gefühl kaum glauben. "Ist das...?" "...das prometheische Feuer.", er vollendete meinen Satz, feierlich, doch ohne einen Funken Sensation in seiner Stimme. "Wolltest du es nicht sehen?" "Aber wie kann all das hier existieren?" "Maße dir nicht an zu urteilen, was sein kann oder nicht. Schon gar nicht an diesem Ort, der so viel größer ist als du." "Sagtest du nicht, dies sei ein Ort aus meiner eigenen Phantasie?" "So ist es. Aber wolltest du nicht eben aus diesem Grund hier herkommen, um zu erfahren, welcher Quelle sie entspringt?" "Nur wie kann etwas größer sein als ich, wenn es doch aus mir kommt?" "Du glaubst es gründet sich in dir und hört an deiner Nasenspitze wieder auf?" Daraufhin lachte er lauter und länger und herzlicher, als ich es seiner koketten Heiterkeit zugetraut hätte.
 Wie kurz oder wie lange wir bis zu dem Berg geflogen waren, vermochte ich kaum zu sagen. Es hätte sich um Sekunden, oder auch um Stunden handeln können. Als wir direkt über der Bergspitze schwebten, erkannte ich in den Flammen einen Tempel von der Größe eines Gartenpavillons. Wir schwebten sanft in die äußere Umfriedung des kleinen Gebäudes und standen mitten in den meterhohen Flammenzungen, von Hitze unberührt. Im erhöhten Zentrum, einem spitz überdachten, von vier Säulen begrenzten Quader, stand einsam eine Marmortafel, auf der, wie konnte es anders sein, eine Inschrift schimmerte. Diesmal lächelte ich zuerst. "Was werde ich dort lesen?" "Was du lesen willst." "Nein, wenn du ein Freund bist, dann halte mich nicht länger hin: Was ist das hier? Verliere ich völlig den Verstand?" "Wenn es ein Wahn ist, was nützte es dir dann, mich, als einen Teil davon, danach zu fragen? Weshalb liest du nicht erst die Inschrift, und entscheidest dann." "Und wenn ich an das glaube, was dort geschrieben steht?" "Dann wird es wohl Teil deiner Wahrheit sein. Jetzt und hier." "Meiner Wahrheit?" Er trat ganz nah an mich heran. Sein Lächeln war ernsthafter geworden. Ehrlichkeit lag in seinem Blick. Er flüsterte: "Ein verwobener Faden, im Geflecht des fein gesponnenen Universums. Nicht mehr, nicht weniger, als jeder andre auch." Da hielt ich die Spannung nicht länger aus. Ich trat vor die Tafel und las:
Du hauchst der Welt Leben ein,
wo du sie als wahr empfindest.
Ich las es fünf Mal, zehn Mal, bis mir die Knie weich und bleischwer wurden und ich vor der Tafel niedersank. "Ich fürchte, das wird zu viel für mich. Sag mir doch endlich, wo wir hier sind!" "Es ist dein Ort. Du hast ihn benannt und ausgewählt." Angestrengt dachte ich nach - woran hatte ich gedacht, als wir durch diese Tür gegangen waren? "Das Vorstellungsvermögen... du sagtest, wir gehen an einen beliebigen Ort, den mein Vorstellungsvermögen hervorzubringen vermag. Ich wollte wissen, woher es kommt.“" "Hast du gefunden, was du gesucht hast?" Ich überlegte. "Ich glaube nicht, dass ich wirklich wusste, wonach ich da fragte." "Wenn du nicht wusstest, was du gesucht hast, dann hast du hier auch nichts gefunden. Denn letzten Endes kannst nur du selbst dir deine Antwort geben. " Er küsste meine Hand zum Abschied, und begann wieder zu verblassen. Ich erschrak. "He, warte!" rief ich. Und ich rief es laut. Während ich mich noch fragte, warum all diese Menschen mich anstarrten, begriff ich, dass ich wieder auf der dunklen Couch im Museum lag. Wieder - oder nicht viel mehr: Noch immer? Der feuchte Fleck an meiner Wange hatte jedenfalls ähnliche Ausmaße wie der an der Sofalehne, ich wischte meinen Mundwinkel trocken und rieb mir einen Moment lang die Augen. Hatte ich das alles nur geträumt? Benommen stand ich auf und verließ umgehend das Gebäude. Ich musste all das aufschreiben, und es dann schnellstmöglich vergessen, das sagte ich mir. Wie hatte die Inschrift noch einmal gelautet? Im Museumspark patrouillierten zwei seltsam epochenlos verkleidete Gestalten, die allerlei Führungen, Rundfahrten und Sight-Seeing-Tours feilboten. Ich hätte sie kaum bemerkt, hätte der eine der beiden nicht einen unglücklichen Schritt rückwärts getan, während ich seine Bahn mit überhöhter Geschwindigkeit kreuzte. So aber drehte er sich um nach dem Hindernis, was mich in die Lage brachte, meinen Lichtjahre entfernten Blick einzufangen und auf ihn zu richten. Da erkannte ich ihn. Ich schnappte nach Luft. "Sie..." Der Promoteur entschuldigte sich höflich und ging seiner Wege. Und auch wenn es nichts zu bedeuten hatte: Als ich ihm nachstarrte, zwinkerte er mir aus der Ferne zu.

Montag, 1. November 2010

Voyager

Diesen Joint hätte ich vielleicht nicht mit Menschen rauchen sollen, vor denen man so furchtbare Angst haben muss. Aber wir haben die Bestie doch ganz gut im Zaum gehalten, waren übertrieben höflich, freundlich, könnte man sagen, haben uns sogar anregend unterhalten. Alles war gut und noch besser als ich erwartet hätte. Beim Verarbeiten dieser Information sind meine kognitiven Schaltkreise so ausgelastet, dass für jede weitere Tätigkeit nur noch die instinktiven Notagregate zur Verfügung stehen. Gar kein Problem, ich kenne das Terrain, könnte schwören, dass ich es gänzlich ohne Bewusstsein passieren könnte. An der Bushaltestelle stehen zu bleiben fällt mir schwer, deshalb gehe ich auf und ab, erwarte dass das Nachdenken dadurch leichter werde, ähnlich dem Verdauen. Zwinge mich angesichts des kognitiven Ausnahmezustandes zum Stehenbleiben, Unterprozesse greifen nicht lange, ich gehe wieder, aber anders, ich habe eine bestimmte Zielrichtung - korrigiere: Zugrunde liegt kein Ziel-, sondern ein Fluchtpunkt: Etwas wuselt um die Ecke, mein visuelles System greift auf die kognitiven Speicher zu... es ist... dunkel... es hat... Beine... mehr als es sollte... es hat... ein Ziel: mich! Eine gigantische Spinne! Reaktion unmittelbar erforderlich! Errechne Reaktion... : SOFORT UMDREHEN!!! 
Die alte Frau erstarrt dreißig Zentimeter von meinem Gesicht entfernt. Der Bus kommt um die Kurve. Sie sieht mich an, ich glaube: Schuldbewusst. Ich verpasse ihr einen Borg-Blick: Widerstand ist zwecklos! Sie dreht sich um ihren Gehstock und stakst dreibeinig auf den Bus zu, in ihn hinein, ich bleibe hinter ihr, auf Abstand, zwinge sie, sich in die vorderste Reihe links zu setzen, wo ich sie gut im Blick habe. Ich nehme zwei Reihen hinter ihr Platz und bewache sie. Da, sie dreht sich nach mir um! Ihr Nacken ist flinker als meiner - ich kann ihren Blick nicht stellen. Aber ich könnte schwören, ihr Gesicht war länger zu mir gedreht als ihr Genick. Weil ich gelernt habe, das so etwas nicht real ist, beginne ich, das Spiel zu genießen. Jetzt kann ich sie unmöglich aus den Augen lassen. Sie bemerkt es, da bin ich sicher. Nach wenigen Stationen, die nur schwach in mein Bewusstsein flackern, denn die Stimmen im Bus sind viel lauter als die grauen, tausendmal gesehenen Bilder vor dem Fenster, beginnt die Alte, mit mir zu sprechen. Sie dreht den Hals wieder zu mir und bewegt ihre Lippen - doch die Worte verlassen ihren Mund nicht. Ich reguliere am Pegel der Umgebungsgeräusche herum, sie werden dumpfer, sind weg: Wenn ich noch ein bisschen genauer hinhören würde... was, wie bitte, können Sie das noch einmal sagen? Zu spät. Während ich noch versuche, die Transmission zu entschlüsseln, steigt sie aus - und ist mit einem Mal verschwunden. Doch etwas hat sie im Bus hinterlassen, sie ist nicht zur Gänze gegangen, eine Essenz, die sich mit anderen vermischt. Mein Lächeln gefriert, als ich die beiden Fahrkartenkontrolleure bemerke - raus! Zu spät: Neben mir sitzt jemand, ich bin paralysiert, starre sie an, wie sie letzte Vereinbarungen vor ihrem Angriff treffen. Einen Augenblick später sind sie als Sportler entlarvt. Der eine hebt eine große, eckige Nylontasche mit der einen, und den Klotz aus meiner Magengrube mit der anderen Hand hoch. Sie setzen sich. Meine Starre hält an, und ich frage mich, welcher Gerechtigkeit es folgt, dass ich heute nicht beim Schwarzfahren erwischt werde. Aber mein Gerechtigkeitsempfinden scheint auf eine Art sehr einverstanden zu sein, deshalb habe ich keine weiteren Bedenken. Ich habe meine Station verpasst.
Meine Präsenz in der  äußeren Gesellschaftswelt ist reduziert, ich kann durch die anderen Fahrgäste hindurchgehen, ohne dass sie mich bemerken. Ich steige viel zu weit oben aus. Als die Tür aufgeht, strömt mir eine traurige Balkanmelodie entgegen. Sie kräuselt sich durch die Straßen und hallt von hunderten Fensterscheiben wieder. Eine zeitlang läuft sie mir nach, wann genau sie verschwindet, kann ich nicht sagen. Ich trage eine Schauerwolke vor mir her, den Hügel hinunter. Menschen blicken mich an, mit weit aufgerissenen Augen drehen sie sich um, die Quelle ihrer Beengung zu lokalisieren, todernst starre ich zurück. Auslagen, Krimskrams, Matratzen, Spielzeug für Erwachsene. Eine automatische Tür registriert mich mit einem höflichen Klicken, doch am Wochenende arbeitet sie nicht. Augen starren mich an, als ich um die Ecke gehe, unsere Blicke treffen sich, als wäre ich zu spät zu einem Rendez-Vous erschienen. Was sage ich dir? Mein Blick weicht aus. Kinderschühchen, glitzernde Schmetterlingsmagneten, denen sich selbst zu halten völlig ausreichend als Lebenszweck erscheint. Rhytmisch tanzende Plastikblumen, bunt angeschmierte graue Wände, grau angeschmierte bunte Wände. Viele Menschen stehen an der nächsten Busstation. Messerscharf schließe ich in einem Sekundenbruchteil, mache einen Uhrenvergleich mit dem Fahrplanaushang. In einer Minute kommt er.  Ungeduldig zappeln meine Beine, Stillstand erfordert viel mehr Energie als Bewegung. Der Bus ist noch nicht da. Gehen oder Warten? Ungeduld wird bestraft. Bequemlichkeit
auch. Was wohl aus der Alten geworden ist? Ich entschließe mich zu gehen, ich habe mit mir selbst noch Einiges zu klären. Anfangs warte ich noch auf den frustrierenden Anblick des vorbeifahrenden Busses. Dann ist es mir egal. An der nächsten Busstation warten wieder viele Menschen, ich lobe mich selbst für meine Entscheidung. Das Gehen tut gut. Etwas ist hell, es hat eine Farbe - unangenehm, pink. Ein Neonschild. Blumenläden, so viele Blumenläden, so viele Blumen, die in der Kälte stehen und sich über den Winter lustig machen. Hat gerade jemand etwas obszönes zu mir gesagt? Wie ein Bote ziehe ich von Station zu Station und die Wartenden verstehen ohne das ich ein Wort sage ... Zwischen dem Chinarestaurant und dem Reisebüro läuft jemand meinen exakten Antiweg. Fasznierend groß, faszinierend dünn und schlacksig, auf eine unwahrscheinlich steife Art, sein Kopf ist ihm zu groß und seine Brille noch einmal. Er mag es nicht, wie ich ihn anstarre, er kommt auf mich zu, ich beschleunige, weil ich Angst habe, dass wir uns bei einer Kollision neutralisieren würden. Während er mich in den Bann seiner Langsamkeit zieht, bringt er meine grüne Ampel zum Blinken. Zeitgleich mit mir überquert er im Neunziggradwinkel die Straße. Ich entkomme ihm. Gerade als ich in meine Gasse einbiege, bleibt der Bus auf der anderen Straßenseite stehen. Was für eine Lektion! Es wäre doch schade, wenn man die Logik des Universums verstünde... Pinkes Neonschild! Datenbanksuche abgeschlossen, Herkunft: BIPA, Billigparfümerie. Was hatte das dort eigentlich zu suchen?!

Freitag, 15. Oktober 2010

Spiegelfenster


Ich starre auf das Glas, das ein Fenster sein könnte und lange Zeit auch eines war. Zwecklos, ich erinnere mich nicht. Spiegel, Spiegel rund um mich. Da ist nichts, da war nichts, ist die Erinnerung ein Traum? Ist da Erinnerung? Wer schrieb diese Zeilen - wohin ging dieser vage Schatten - oder sollte ich fragen: Woher ist er gekommen? Ein Bruch - der Gute, hat uns auseinandergeschnitten - dabei ist er wohl umgekommen, dieser Schatten meiner selbst. Wehmut erfasst mich, und doch kann ich sie nicht ernst nehmen. Warum suche ich nach Wegen, diese Leiche wiederzubeleben? Weil es dahinter dunkel ist - es dämmert, immer, immer dunkler versinken die Abdrücke im Gedächtnis, wenn das Licht angeht, brauchen wir sie nicht mehr. Neue kamen, und auch sie werden wieder gehen: Wir alle sind ein Mensch, den manch einer zu kennen glaubt, der sich nicht einmal selbst erkennt. Spiegel, Spiegel zeigen immer nur die Gegenwart: Es ist egal, was früher war. Graue Schatten und Konturen - so viele, dass sie ganz verschwimmen. Details - wen interessiert das schon? Im Außen wirst du niemals mehr erkennen als im Spiegel, Spiegel deiner Seele. Was willst du mitnehmen? Festhalten? Wozu? Am Ende endet Nichts im Alles und das All ist ein Nichts. Ich könnte sagen: Wage es, kipp den Schalter: Mach es dunkel, auf dass die störenden Konturen weichen, auf dass die Spiegel, Spiegel ineinanderfließen und zerrinnen: Steig hindurch, steig auf, und flieg! Hoch in die Lüfte und stimm ein in das Geschrei der Euphorie: Kran! Kran! Ruf in die Nacht und sie werden kommen, du wirst mit ihnen gleiten, gleiten durch die Lüfte - unter dir das Lichtermeer - die nie erreichte Landebahn. Ein Glitzernetz aus Menschenspinnen-Weben. Es zittert, funkelt und es spiegelt, spiegelt doch nur oben, unten, Sterne. Der sicherste Ort der Welt: Nur wer fliegen kann, der zählt. Oben auf den kränernen Zinnen wird die Zeit im Nu verrinnen: Kran! Kran! Dich rufen wir an. Schwarze Flügel glänzen, spannen, strecken, gleiten, fliegen! Und spiegeln, spiegeln, spiegeln, spiegeln...

Ein Spiel im Wind zur späten Stunde. Kran! Ein Zauberwort in schwarzer Vögel Munde. An der Wipfel Scheitel wachsen kahle Stellen, als unten aus Dächern Schornsteinwölkchen quellen.

Ein Abglanz - eben doch ein Spiegel, Spiegel und nicht ein Fenster - oder eine Tür zu neuen Wegen: Weder schließt es sich, noch wird es neu geöffnet. Es ist und ist und ist die Grenze meines heutigen Verstandes - kein Weg hinaus und auch kein Blick. Was lernen wir daraus? Ich weiß es nicht und freue mich, dass ich nicht alles weiß, wo bliebe unter diesem Umstand noch der Reiz? Es reißt mich kreuz und quer auf dieser Reise durch die Lüfte, Tiefen, Höhen, Weiten, Engen - der schmale Grat ist euch wie mir gerade breit genug. Hier sind wir unser einig, innig Lieb. Ich flieg’ mit euch, und spüre: Diese Melodie klingt schlicht und tief empfunden, beschwört das lang Ersehnte: Kran! Wir haben dich gefunden!

Trug? Lug? Nein nur ein Spiegel, Spiegel meiner Seele? Meines Wahns? Es zwingt mich weiter, weiter aber nicht hinaus. Ist es nicht mehr als Fantasie? Ein Fiebertraum im hohen Herbst? Es muss, denn ich sah diese Bilder wirklich - Erinnerungen, klar und deutlich - doch Dämmerung am Horizont. Ich wusste eben noch wie Fliegen geht, ich glitt, ich spannte, streckte, glänzte schwarz gefiedert - euren Lockruf hab ich im Traum erwidert.

Es geht das Licht an und die Erinnerung verblasst, versinkt, vergeht. Ein Gesetz, das unumstößlich steht. Ich bin nicht Herr in meinem Haus und auch nicht Frau. Ich bin mir schutzlos ausgeliefert, doch traue ich mir schon ein kleines Stückchen weiter, als meine Nase riecht. Bedeutungslos ist alles, was du bei dir behältst. Was du erfahren willst, musst du aus deinem Käfig lassen. Lass sein, lass stecken, gib es auf - und wenn du selbst dir manchmal Mut zusprechen musst, so ist es schon in Ordnung. Der Wille steht der Existenz im Weg, um eines muss ich bitten: Raubt mir den Verstand! Damit ich fortfahren kann im Spiegel, Spiegel meiner Seele das Pendel endlich abzuschwächen. Hin und her und hin und her und Ruhe gibt es nie. Doch geht es weder Vorwärts, noch Zurück: Am Ende ist das alles nichts - und Nichts vergeht im All.

Montag, 10. Mai 2010

oller camoulöwe

Cha.
Chacha.
Chachachachacha.
ChaChamäleon

sie dichten mir da was an mein lieber, und das lasse ich nicht gerne mit mir machen. eine dichtheit besonders nicht, derer fälle ich doch abgeschoren habe, vor zehn produzent meines lebens. und diese zählen wohlgemerkt zu den längstgefühlten. oder auch zu den kürzesten, dort können sie auch suchen. aber dicht sind sie nicht, soviel steht fest.
was glauben sie überhaupt da, in der letzten reihe, sie quatschen mir in meine angegebenheiten. sie täten einem gerne leid.
lassen sie uns lieber etwas achten. achtern! jetzt alle gemeinsam:
achte auf dich selbst, ja,
gedenke deinerselbst, cha!
nein, ich muss zuerst aufräumen. mit den missverständnissen und zwängen räume ich mein wirken auf, dabei ist es doch verkehrt rum. rum, rum, sehen sie, am ende lasse ich es doch mit mir machen, wie ich sagte, obwohl nicht gerne.
sie olles chamäleon. warten sie kurz - wo sind sie denn jetzt schon wieder? brüllen sie mal für mich, camoulöwe, sonst muss ich ja wieder warten, bis der schneider den fehlenden knoten entdeckt hat. die richtigen griffe hinterlassen eben manchmal narben. und die streichelt man gerne, ich weiß, das beruhigt. macht besonders. macht sinn, wo doch alles so sinnlos scheint. aber sie sind eben scheintist geworden, so haben sie sich das gedacht und das haben sie gemacht und jetzt wollen sie es lieber nicht oder schon oder jedenfalls umgedacht lieber als bracht haben. und das jetzt wollen sie umgebracht haben vor angst, es könnte das falsche sein. es ist nur das einzige, das sie ganz gewiss haben. und es ist schön, sehen sie? und es liebt sie. sie sind sein schöpfer. jetzt müssen sie es nehmen und halten und ihm sagen, dass alles gut ist und wird und immer bleibt. hegen sie es, pflegen sie es, umschmusen sie es doch endlich anstatt ihm vorhaltungen über ihre eigene gestaltung zu machen. es will doch nur das eine - einen einzigen wunsch äußert es. ganz leis, doch immer wieder: es will ihnen gefallen. so gerne einzig das. deshalb müssen sie in seinem sinne handeln. sein bestes wollen nur in ihrem sinne. denn wenn es erst ausgewachsen ist, wenn es fertig gesponnen hat, dann entscheidet es über sie. auch wenn ihnen das eigentlich egal sein kann, doch ich sehe es an ihren traubenlaugen augen trotz der düsternis: ist es ihnen nicht. und deshalb seien sie gewarnt: nicht dass es narbt ist die conclusio, sondern die frucht der narben. lassen sie sich nicht narren. der nährende narbboden ist erst der anfang. dort müssen sie den keim säen, der infizierende blüten treibt. wenn sie diese denn wollen, denn wie sie gewiss vernommen haben, nähren sich die narbenblumen einzig nur von ihrem fleisch. das ist der preis. und sie haben hunger. stets großen hunger.
chachacha, chamäleon, ich sehe es dir an. das ist der grund, stimmt's? ja, ich sehe klarer als in einem frischgeputzten spiegel: die feigheit macht uns klein. aber nimm es an, wenn du es groß willst, musst du es eben füttern. du selbst, aber, bist der preis.

Samstag, 1. Mai 2010

schrütten.

Es schürtete
Es schrütete
Es schürtete
Es schrütete
Es schürtete
und schrütete
und schürtete
und schrütete
und schürtete
und schrütete
und schruterte
und schrutt.

Freitag, 30. April 2010

Aggromitis, akut

Du wirst
immer mehr
eine Persiflage deinerselbst.
Ein lächerlicher Abriss
von deinem Gesicht
wie das Turiner Leichentuch
von Leonardo dem Großen.

Trockenes Lachen
das mir bei der Nase herauskommt
zwischen Grinsen, Blinzeln und Kopfschütteln
halte ich für deine Seele
die sich jetzt im Bus verteilt.

Mit einem Plastikschwert
aus deiner letzten
Mädchenmickeymaus erhoben
schreist du beherzt
"En Garde!"

Milde lächelnd will ich
deine Kinderaugen küssen
und dich danach
an deinen Wimpern reißen!
"Catfight!"
Würd manch ein Unhold brüllen.

Ich aber
will dich bluten sehen
am Boden kriechend
meine Lederjacke lecken
wo du die letzten Takte deines heißen Pulses
verzweifelt noch vermutest
als der Rorschach deines Lebens
schon bald so wunderschön gerinnt.

Mittwoch, 28. April 2010

jetzt

5 Minuten



















































Sprachlosigkeit.

Danach gehen Sie am besten kotzen.