Montag, 12. September 2011

Frühling


Vier Camouflagestummel glühen

auf einem Bett aus grauem Flaum
ein Kügelchen Papier in ihrer Mitte
mit der Aufschrift:
 >aber<

Das rosg'e Seidenkleid des Frühlings
wehet, als müsse es zerreißen
Fegt ihn weg, den flauen Pelz 
ersetzt ihn
mit blühenden Insekten

Freitag, 2. September 2011

Einer der ersten Sommer



(Kindheitsgedicht)

Die Milch ist noch warm
von der Kuh aus der sie
gekommen ist und das
eine Ei darf ein Kücken werden
die anderen nicht - ist das
Gerechtigkeit? In einem anderen
Leben dann die Statistik
eliminiert allen Schrecken
und auch die Euphorie
und die Eier denken:
Einer für alle - Alle für Einen.
Das Kalb hat es nicht gemacht
aber nicht mangles der
Milch sondern wegen der Türklingel
die mehrmals täglich
für Elise spielt Monophon aber
vollständig.

Von dem Baumwipfel im Hinterhof
der einen teilhaben lässt an
den zukünftigen Sekunden der Straße
sollte man besser nicht in das
kleine Planschbecken springen
das nur Kleinkindunterschenkelhoch mit
Pisswasser gefüllt ist.
Für die Fahrräder sind wir noch zu klein
zumindest für die Angst der tschechischen
Babicka
die mit den blondgefärbten Haaren
und dem Pelzmantel
mit den Lederstiefeln und mir
aus der reichen südlichen Hauptstadt
herfährt zu den Menschen deren
Verwandtschaftsgrad zu uns
ich nicht benennen kann
und dann stirbt sie bevor ich
diese Frage überhaupt formuliert habe
heute
kenne ich nichteinmal mehr ihre Namen.

Samstag, 25. Juni 2011

(Welt = Alles : Mensch?)


„Muss man sich der eigenen Punchlines (= Kalauer/ Sager) bewusst sein? Oder passieren die eben?“ Dürfen die das? 
Kant räumt ein, dass das System, als das wir unsere Umwelt betrachten, einzig unserem Verstand entspringt. Ebenso erfasst er die Erfahrung an sich als geistiges Konzept, nicht als willkürliche Anhäufung von Ereignissen (denn wie anders als durch die Urteilskraft wären diese zu bemessen?), sondern als Konsequenz, Ursprung und Reinform gleichermaßen, steht die Idee. Anders ausgedrückt: Das Besondere, das Konkrete, wird durch den Fleischwolf unserer Weltanschauung, unserer allgemeinen Vorstellungen gedreht, bis am Ende ein uns logisches Ergebnis herauskommt, das sich unseren Prämissen fügt. Durch Abstraktion, durch das Weglassen unwichtiger bzw. irritierender Details, mit Hilfe fiktiver Ergänzungen wo immer nötig und Dank (oder trotz?) einer stets situationsabhängigen Perspektive gelingt es uns, Zusammenhänge zu interpretieren, Schemen wieder zu erkennen, Schlüsse zu ziehen. Das Maß ebendieses Abstraktionsprozesses ist es, das für uns den Sinngehalt einer Sache bestimmt. Das Maß der Vereinfachung gibt, seinerseits beurteilt, Aufschluss über die Art und letzten Endes die Ernsthaftigkeit der getanen Interpretation. In der besonderen Berücksichtigung "aller" Faktoren im Umfeld empfinden wir z.B. eine Aussage als wissenschaftlich, auf den Situationsgehalt ohne Querbezüge reduziert als informativ, als Essenz ihrer Schlagworte als trivial und in der Verkehrung ins Gegenteil als humoristisch. Nichts desto Trotz ist jene Aussage, die wir als Beispiel heranziehen, von Anfang an ein reines Objekt unserer Vorstellung, ob in der wissenschaftlichen Betrachtungsweise oder in der humoristischen, bleibt sie Interpretation der Welt. Die Fähigkeit zur Abstraktion ermöglicht erst unsere Existenz als denkende Spezies, die mit nichts als Ihrem Verstand (und Glück vermutlich) den gesamten Planeten unterworfen hat.
Gleichermaßen Konsequenz der Reduktion wie auch Bedingung ist die Vorstellungskraft. Sie bringt uns in die Lage, Situationen zu präsumieren, uns nach noch nicht Gesehenem zu verzehren, uns über Hörensagen zu empören und über Komisches zu lachen. Je weniger abstrahiert sich uns ein Sachverhalt darstellt, umso mehr Glaubwürdigkeit messen wir ihm bei, aber umso weniger anwendbar scheint er uns auch auf Belange des täglichen Lebens. Insofern ist es der Zeit und der Gewohnheit geschuldet, dass Sachverhalte, Inhalte, Erkenntnisse sich mit der Zeit abschleifen auf das Gerüst ihrer Überschriften, bis sich ein festes, wenn auch nicht mehr nachvollziehbares Regelwerk ergibt. Aus spiritueller Überzeugung wird ritualisierte Religion, aus Idealismus wird strikte Ideologie usw. Ein Gegenbeispiel, um den negativen Beigeschmack dieser Aussage zu mildern, sind Bauernregeln, die einer gewissen Zuverlässigkeit nicht entbehren. Es ist nicht notwendig, sich mit der Meteorologie auseinanderzusetzen, um das Regelsystem anzuwenden, das einen (mit Toleranz einer Fehlerquote) zu einer erfolgreichen Arbeitsweise führt. Ebensolches könnte man über die Astrologie behaupten, die nichts Anderes tut, als komplexe Individuen auf anteilige Eigenschaften von zwölf Archetypen herunter zu brechen.
In Maßen ist diese Abstraktion notwendig, um nicht jedes Mal ganz von vorne anzufangen. Jede Weiterentwicklung bedarf einer Basis, auf der sie sich entwickeln kann. Ohne gültige Prämissen gibt es keine Ableitungen für das Alltagsleben, ohne Einigung auf Gesetze ist kein gesellschaftliches Zusammenleben möglich. Wird diese Basis aber überhaupt nicht hinterfragt und erstarren Erkenntnisse zu stumpfen Verhaltensregeln, die sich über deren ursprünglichen Sinn stellen, kommt die Gesellschaft ebenfalls zum Stillstand. Dieses menschliche Dilemma macht uns letzten Endes aus.

Hinzu kommt die jeweils situationsspezifische Logik, die sich aus vielen Faktoren zusammensetzt und ebenfalls maßgeblich für die momentane Gültigkeit einer jeden Aussage ist. Roman Jakobson unterscheidet fünf grundlegende Funktionen der Sprache, wie sie in jeder Äußerung zum Tragen kommen und einander gegenseitig beeinflussen. In jedem Satz, den wir sprechen und noch viel mehr in denen, die wir schreiben, setzen wir die Worte auch nach poetischen (ästhetischen) Kriterien nacheinander. Wir wählen unsere Ausdrucksweise nicht völlig willkürlich, wir unterwerfen sie gewissen Gesetzen, die sich je nach Situation unterscheiden, und unwillkürlich nuancieren wir damit auch ihren Inhalt. Ebenso reiht die Musik, sei es aus gesellschaftlicher Konvention, nicht willkürlich Töne nacheinander sondern folgt einem strikten Regelwerk, dem sie sich nicht entziehen kann und das stets ihren Ausdruck mitbestimmt. Überschreitet die Reproduktion allerdings ein gewisses Maß, wird sie zur Bedrohung für die getane Aussage. Sie verliert ihre Glaubwürdigkeit. Wenn ein Regelwerk in dem Maße die Gesellschaft durchsetzt hat, dass es über der ihm zu Grunde liegenden Erkenntnis steht, wird es zur Bedrohung für die geistige Reife ihrer Mitglieder. Beispiele finden sich quer durch die Menschheitsgeschichte: Im Mittelalter die kirchliche Doktrin, in totalitären Regimen die Propaganda, im Kapitalismus das Marketing.
Sie alle bedienen sich der menschlichen Fähigkeit und dem Willen zur Vereinfachung, indem sie die Ableitungen ihrer Lehre als einfache, leicht zu merkende Gesetze formulieren.
Wie von selbst ergibt sich aus der anderen Seite menschlichen Verhaltens, dem steten Hinterfragen, ein Konflikt mit solch sinnentleerten Floskeln, wann immer es keine zureichende Antwort mehr auf das "Warum?" gibt. Als weiterer Faktor dieser komplexen Gleichung kommt nämlich unsere Auffassung unserer selbst als Individuen zu tragen. Dies macht sich ebenda bemerkbar, als wir umso abstraktere Aussagen umso selektiver beurteilen. Je wissenschaftlicher getätigt, desto weniger problematisch erscheint uns eine These, wenngleich sie von außen betrachtet wieder nur aus menschlicher Perspektive Gültigkeit besitzt. (Am Rande sei erwähnt, dass jüngste astronomische und physikalische Erkenntnisse nahe legen, dass unser Universum überhaupt nur zu 4% aus Atomen besteht.)
Aus dieser Distanz betrachtet ist menschliches Handeln generell ein sehr abstraktes Glaubensbekenntnis, und es ist geradezu erstaunlich, mit wie viel Eifer wir jedes Mal aufs neue unsere Überzeugungen behaupten wollen.
Je vereinfachter eine Aussage, desto weniger flexibel ist sie, umso weniger kann sie angepasst werden, umso stärker muss sie verteidigt werden. Dennoch ist gerade in einer immer komplexer werdenden Gesellschaft, mit immer mehr höchst spezialisierten Mitgliedern eine vereinfachende, allgemein gültige Alltagskommunikation von Nöten, weil jeder eine andere Fachsprache spricht. Umso interessanter die parallele Entwicklung hochkomplexer, internationaler Forschung und globalisierter Wirtschaft mit einer vereinfachten Business-Sprache, die mehr und mehr eigener Komplexität entbehrt, sowie die Zunahme der Bildhaftigkeit insbesondere in der Marktkommunikation, aber auch in anderen Bereichen, beispielsweise gibt es auf der Universität kaum noch Vorlesungen ohne Power-Point-Präsentation.
Abstraktion ist also für Menschen ebenso unentbehrlich wie auch gefährlich, und ebenso ist es die Paraphrase. Etwas ist nie "wie etwas Anderes", ein Sachverhalt kann, anders ausgedrückt, nicht der gleiche Gedanke sein, und dennoch fühlen wir an gewissen Stellen Überschneidungen und Ähnlichkeiten, fühlen uns aus unserem Erfahrungsschatz heraus an etwas erinnert, das uns bekannt und damit gültig erscheint. Siehe den Vergleich unseres Verstandes mit dem Fleischwolf im ersten Absatz dieses Essays, der in anderem Zusammenhang wohlgemerkt kaum Gültigkeit besitzen dürfte. Für die Autorin und die LeserInnen dieses Textes ergibt sich damit wiederum ein Bild, das Außenstehenden nicht den gleichen Sinn erschließt, und selbst in den Köpfen der LeserInnen ergeben sich unterschiedliche Bilder, je nach dem eigenen Erfahrungsschatz verschieden. Einprägsamer als die theoretisierende Herangehensweise bleibt eine solche Ausdrucksweise in den Köpfen derer hängen, die die zu Grunde liegenden Gedanken nachvollziehen können, doch wird sie nutzlos ohne deren Grundlage.
Auf der anderen Seite kann das Transferieren eines Problems auf eine andere Ebene gerade zu dessen Lösung beitragen, bzw die Erkenntnis in der Distanz gefunden werden. So bedient sich die Kindererziehung in vielen Kulturen lehrreicher Geschichten, die eine bestimmte Erkenntnis, eine „Moral von der Geschichte“ nahelegen sollen. Gerade in der indischen Kultur findet sich eine bemerkenswerte Vielfalt solcher Lehrgeschichten, mit oft (beabsichtigt) zweideutigen oder gar widersprüchlichen Aussagen. Solche Fabeln sollten Königskinder auf ihre komplexen Aufgaben als zukünftige Herrscher vorbereiten. Was diese Form der Paraphrase allerdings von Propaganda oder Doktrin unterscheidet, ist die distanzierte Perspektive, die erst den oder die LeserIn, den oder die HörerIn, die Erkenntnis finden lässt. Der Sinn ist nicht von einer Seite vorgegeben, sondern ergibt sich aus dem besonderen Zusammenspiel von HörerIn und ErzählerIn. Aus dem Besonderen (der spezifischen Geschichte) kann das Allgemeine abgeleitet werden, das auf andere Situationen Anwendung finden kann, wenn diese aus dem persönlichen Erfahrungsschatz daran erinnern. Es kann letztlich in jedem Besonderen etwas Allgemeines gefunden werden, jedoch lässt sich das Allgemeine nie vollständig auf das Besondere übertragen. Deshalb wird jede Aussage in dem Moment zur Bedrohung individueller Freiheit, da sie Allgemeingültigkeit behauptet. Da sie den Anspruch erhebt, für den/ die EinzelneN Gültigkeit zu besitzen, anstatt ihm/ ihr einzuräumen, aus seiner/ ihrer Perspektive selbst die Parameter zu prüfen und gültige Aussagen zu formulieren. 

Montag, 27. Dezember 2010

Marikas Engel


Marika wackelt an ihrem Gehstock die Stiegen hinunter. Sie macht die Tür auf, Freiheitsduft weht ihr entgegen. Benzin, Asphalt, saubere Kälte und das letzte welke Laub. Es riecht anders vor den Fenstern im dritten Stock. Nur kurz erstaunt sie ihre eigene Verblüffung, ein zages Lächeln wischt die trockenen Mundwinkel nach oben. Gleich um die ewig weit entfernte Ecke ist die Busstation. Marika kaut an ihrem Gebiss.
Wo bist du - intergalaktisches Wesen?
Sie kann's nicht lassen, es bleibt ein Fremdkörper in ihr, eine Überlebensprothese. Ebenso wie der lästige Stock.
Trippelst an den Oberflächen von Dimensionen herum, wie ein geflügelter Wasserläufer.
Dienstags fährt Marika Tanja besuchen, ihre Schwester, die noch fünf Jahre älter ist. Hat sich eine recht bemerkenswerte Fortbewegungstaktik zugelegt, den Umständen nach, mit ihren schweren Wasserfüßen und dem dürren, dritten Bein. Jawohl, sie findet es bemerkenswert, dass sie mit ihren neunundsiebzig Jahren so gut wie niemandem zur Last fällt.
Ich bin der Wirbelwind, der euch zusammenfegt. Das Werden ist ein Gehen.
Ganz autonom kann sie noch für sich sorgen, ist mobil und klaren Geistes. Nur widerwillig hat sie es akzeptiert, dass ihre Schwiegertochter jetzt alle vierzehn Tage eine Bedienerin vorbeischickt, die stumm, nur manchmal grinsend oder pfeifend, die schweren Hausarbeiten in der kleinen Wohnung macht. Dabei dreht sie den Radio laut auf und verstellt Marika den Sender. Sie hat mehr Bart als Marika, obwohl sie gute vierzig Jahre jünger ist.
Auf meinem Weg von einer Ebene zur nächsten durchströme ich euch, geh' an Menschenseite und in euch hinein.
Marika geht aus dem Haus an diesem tristen, kalten Samstag, sonst kaum einer in der Gegend. Mehr als siebzig Jahre hat es Tanja und Marika gekostet, ihren Geschwisterzwist beizulegen. Seit Marikas Mann gestorben ist, kann sie es nicht ertragen, seine Radiosendung am Samstagnachmittag zu hören. Sie fährt zu ihrer Schwester, dort trinken sie gemeinsam Tee und vermeiden heikle Themen. Irgendwann wird jeder ein Vertrauter, mit dem man noch Erinnerungen teilt.
Seelenfusionen kann ich euch aus den Handgelenken schütteln.
 Leer ist die Leibenfrostgasse vor ihr, so ist es besser. Wochentags herrschen hier Trubel und Krawall um die Mittagszeit, da spuckt die Phorusgasse wer weiß wie viele Volksschulkinder aus.
Der körperlichen Existenz so weit entwichen - Kontrolle ist irrelevant.
Marika spricht nicht oft mit jungen Menschen, Enkel hat sie keine. Wenn es sich doch einmal ergibt, ist sie nach wenigen Minuten ganz erschöpft.
Wie durch einen Sumpf waten durch die Welt des Physischen - in den letzten Atemzügen. Ich bin unsterblich durch meine Umwandlung der Welt. Der Boden entgleitet mir unter den Füßen. Bewegung ist eine Frage der Perspektive. Ich habe die Welt verwandelt. Ich bin Geschichte. Mit Prothesen sauge ich mich fest an der hinfortzuckelnden Gegenwart - wird das eine oder andre strahlend Herz ein Stück von mir besitzen?
Marika erreicht die ewig weit entfernte Ecke in weniger als zwei Minuten. Das ist kein persönlicher Rekord, dennoch fällt das Gehen diesen Tags leichter als letzte Woche. Knapp hinter sich vermutet sie den 13A Bus, denn wenn Marika das Haus verlässt, dann nach Fahrplan. Mit Neunundsiebzig steht man sich nicht gerne die Beine in den Bauch.
Wie verschiedner Gegenstände Schatten, durchfließen diese Welt und ich uns. Bis es kaum noch Widerstände gibt. Wo ich welche finde, fliege ich grade für das Abenteuer auf sie - wie die Insekten in das Licht. An des Tunnels Ende kann ich noch nichts erkennen
aber Weisheit in den letzten Menschen, die mich zum Ausgang eskortieren.
Jetzt muss sie sich aber beeilen, sie kann den Bus schon kommen hören.
Es steht uns gleich bevor: Fusion! Ein neues Element lass’ uns gemeinsam bilden - neues Gewicht erlangen.
Einmal in Schwung, fällt Marika das Stehenbleiben schwer. Sie denkt an ihre Schwester und an die Salbe, die sie für Tanja in der Apotheke noch besorgen muss. Das ist schon die vierte, die der Herr Doktor für das schlimme Knie verschrieben hat. Nichts scheint etwas zu nützen. Plötzlich wird Marika ganz bang. So einen bösen Blick hat sie doch nicht verdient. Verunsichert will sie sich neu orientieren, es dauert einige Sekunden.
Hallo Mensch! Verzeih, ich habe dich für einen Blütenkelch gehalten, meine Nase wollt ich ein wenig in deinen leuchtenden Pollen tauchen.
Sag, weißt du viel? Warst du schon drüben?
Etwas an deinem Strahlenmuster ist mir so magisch wie der Horizont.
Die leeren, grauen Augen starren weiter böse, starren aus einem jugendlichen Gesicht. Marika sieht es ganz scharf, so wie sie die Gesichter in den Illustrierten sonst nur durch die Lupe sieht.
Dein Magnetfeld, deine Suche
hat mich eingefangen wie der Leuchtturm, der sich stets nach Zeugen seiner Existenz umsieht. So sinnlos ist der Lichtstrahl ohne Reflexion - das Leben unser Spiegelkabinett.
Nein, nein, ich geb' es zu, ich habe Angst vorm Sterben. Doch stetig wächst die Neugier - und mit ihr das Vertrauen.
Bevor sie weiß, wie ihr geschieht, hat sie sich abgewandt und ist leicht wie auf Mondmission in den Bus aufgestiegen - in der vordersten Reihe im hinteren Teil findet Marika sich wieder, sonst sitzt sie lieber ganz weit vorne. Da spürt sie diesen Blick noch einmal, er sitzt ihr wohl im Nacken. Soll sich nur nicht zu früh freuen, dieser Voyeur, flink schauen kann Marika ihr Leben lang. Es scheint beinah ein Spiel zu werden. Dennoch beunruhigt es die arme, alte Marika, die Welt ist heute manchmal sehr schwer zu begreifen. Sie kaut ganz in Gedanken weiter ihr Gebiss.
O ewige Transformation,
Kreis der Vergänglichkeit.
Als ich entflammte, sind andere erloschen: Die Schatten früh'rer Existenzen schwanden dort. Und dennoch ängstigt mich der Anblick in des Todes dunklem Abgrund. Wird eines Tages neues Leben sich daraus
und mich mit ihm erheben?
An der Pilgramgasse ist der Spuk vorbei. Marika muss aussteigen. Sie beschleunigt mit der Bremskraft, als der Bus zur Haltestelle einschwenkt. Sie ist kein ängstliches Mütterlein, dass sich schon drei Stationen zu früh in Richtung Ausgang zwängt. Selbstbewusst wartet sie den Moment ab, in dem das Aufstehen die geringste Anstrengung bedeutet. Sie lässt sich von der Menschentraube aus dem Bus tragen und ist im Nu dem bösen Blick entkommen. In der Mutter Gottes Apotheke kauft Marika die Salbe und gönnt sich selbst noch eine Packung Schmerztabletten. Wenn der Herr Doktor das wüsste.
Die Wienzeile überquert Marika nicht gerne. Man muss dort so viel im Auge haben. Menschenmassen strömen blindlinks aus der U-Bahn und den vielen Busstationen, Autofahrern traut Marika schon gar nicht übern Weg. Lächerlich kurz werden die Grünphasen der Fußgängerampeln, wenn man erst mal neunundsiebzig ist. An der Pilgrambrücke nimmt niemand Rücksicht auf eine kleine alte Frau. Sie grämt sich trotzdem, dass sie wieder nur in Tanjas winziger Wohnung herumsitzen werden. Tanja dreht die Heizung lästig warm auf. Die Luft staut sich dann schnell. Dafür besitzt Tanja im Sommer einen Balkon. Voriges Jahr noch haben sie gemeinsam Ausflüge unternommen, ein-, zweimal sind sie sogar mit der Badner Bahn hinausgefahren. Ob es noch einmal so wird, das ist schon eines der heiklen Themen. Als müsste es so sein, hat Marika die Wasserfüße bekommen, und wenig später Tanja ihr schlimmes Knie. Es ist immer irgendein Hindernis zwischen den Schwestern gewesen.
Von dem Moment unsres Erscheinens an sind wir unsterblich und leben fort solang' man unserer gedenkt.
Nun muss Marika doch noch warten, der 12A Bus ist ihr davongefahren. Sie setzt sich aber nicht auf die kalte Haltestellenbank. Sich aus eigener Kraft zu erheben ist ihr ein großes Übel. Sie verlagert das Gewicht und hält sich mit dem Gehstock in der Waage. So macht das Stehen weniger Mühe. Es beginnt Marika zu jucken, wenn sie an Tanjas muffige Wohnung denkt. Hätte ihre Schwiegertochter doch besser ihr die Bedienerin bezahlt. Nicht dass Marika es nicht einzufädeln versucht hat, aber die Schwiegertochter ist dahinter gekommen und hat es der Bedienerin verboten, heimlich in anderen Wohnungen zu putzen. Tanja hat selbst keine Kinder und hat es bis vor kurzem nie bereut.
Lässt der letzte der Gedanken sich erfragen? Wo ist das Ende der Essenz?
Sie hat dafür die Welt gesehen, hat sie gelacht und mit dem Finger auf die vielen Fotoalben in der Wohnzimmervitrine gezeigt. Vergilbt und verstaubt stehen sie da bis heute, Marika kennt sie fast so auswendig wie Tanja. Einen zu haben, der später noch von ihr erzählen wird, wäre ihr jetzt vielleicht lieber.
Nichts als transformierter Sternenstaub bist du, Mensch. Ein Wimpernschlag am Weg wer weiß wohin.
Sie sagt nichts, aber Marika kann sie doch durchschauen.
Geboren aus den Spezifikationen deiner Welt. Ein löchriges Gefäß, das schöpft, entnimmt und ändert, einfließt. Unter Vielen nur eine Ableitung des Zieles, ihm stets Funktion und allerhöchstens etwas experimentell. Was zählt zuguterletzt - Form oder Betrag?
Der Bus fährt ein und ist fast leer. Sie kann es nicht erklären, Marika ist enttäuscht. Als hätte sie darauf gewartet, im Bus jemanden wieder zu treffen. Dabei gibt es kaum noch jemanden wieder zu treffen. Marika fühlt, wie der Busfahrer sie beim Einsteigen beobachtet. Da fällt es gleich doppelt schwer, sich nicht dumm anzustellen. Vor Anstrengung kaut sie ihr Gebiss ganz schnell, da beißt es in die Wange. Marika lässt sich nichts anmerken. Nach unzähligen Versuchen schafft Marika es in den Bus, ein netter junger Mann hat ihr geholfen. Verlegen nimmt sie am Seniorensitz rechts vorne Platz. Hier kann Marika das Straßengeschehen so gut überblicken, dass es ihr fast vorkommt als säße sie am Lenkerplatz. Marika ist gerne Auto gefahren, aber jetzt nicht mehr, ihre Augen sind müde, ihre Ohren auch, aber verboten hat es ihr Sohn erst als die Wasserfüße kamen, weil man mit denen die Pedale nicht gut trifft. Sie hat es eingesehen und ihn ihr Auto schweren Herzens verkaufen lassen. Seit dem stellt sie sich im Bus gerne vor, wie sie den Wagen lenkt. Es hält den Geist wach, auf den Verkehr zu achten, in Gedanken mitzulenken. Marikas Beine pulsieren von der Anstrengung. Sie pfriemelt das Schmerzmittel aus der Handtasche. Die Verpackung will nicht freiwillig aufgehen. Die bösen grauen Augen lassen Marika keinen Frieden.
Wie ist die Kluft geartet zwischen Ewig- und Vergänglichkeit?
Zeit ihres Lebens war Marika eine friedfertige Person, lebensfroh aber nur mäßig neugierig.
Was stirbt kann neue Form erlangen - was in Erinnerung gerät, erstarrt, verwehrt sich neuem Leben.
Konflikten ist sie lieber großräumig ausgewichen. Aber je älter sie wird, je weniger sie zu verlieren hat, desto öfter stellt sie sich die Frage, was es noch so zu erleben gäbe. Wenn man nur den Mut aufbrächte. Bis vor kurzem hat Marika Tanja nie um ihr unstetes Leben beneidet.
Marika stopft die Schmerzmittelpackung zurück in die Tasche und kramt nach ihrem Schlüsselbund. Immer dicker ist er über die Jahre geworden. Viele der Schlüssel an ihm sperren nicht mehr, aber Marika kann sie nicht wegwerfen. Jetzt gerade erscheint er ihr auch wie eine Prothese, mit all den Erinnerungen, die an ihm herunterbaumeln. Zwei davon entsperren den Eingang zur Korbergasse 15, Tür 11. An der Station Steinhagegasse steigt Marika aus. Hinaus geht es viel leichter als hinein. Gleich um die ewig weit entfernte Ecke wohnt Tanja. Der Stadtnovemberwind bläst Marika rau entgegen.
Das Später ist dem Früher ebenbürtig.
Benzin, Asphalt, saubere Kälte und das letzte welke Laub.
Was ist des Lebens unsterbliche Prise? Der Funke namens Individualität, durchzuckt von tausend Leben, tausend Toden. So strahlt Vergangenes in Richtung ungeahnter Existenzen - der Zukunft immer schon den Schritt voraus.
Marika braucht beide Hände, um das schwere Schloss am Haustor in Bewegung zu setzen. Den Stock lehnt sie an den anderen Flügel und stemmt sich mit der Schulter gegen die Eisenstäbe. Sie kann das schwere Tor nur einen Spalt breit öffnen, aber es reicht, um den Stock hineinzustellen und wie einen Hebel zu bedienen. Immer noch wehrt sich das Tor.
Der letzte der Gedanken ist von niemandem zu denken - der Weisheit letzter Schluss wird jedes Mal im neuen Anfang münden.
Schwer fällt der Torflügel gleich hinter Marika ins Schloss. Düstere Muffigkeit umfängt sie.
Sie nimmt den Lift in den zweiten Stock. Die Korbergassenwohnungstür lässt sich leicht öffnen. Marika grüßt im Vorzimmer, aber Tanja kommt ihr nicht entgegen. Sie knöpft den Mantel auf und löst den Schal. An der Garderobe abgestützt führt sie zuerst den einen, dann den andren Fuß in den Stiefelknecht und unbeschuht wieder heraus. Sie grüßt noch einmal und schlüpft in Tanjas Zweitpantoffeln. Marika wagt sich ins Wohnzimmer vor. Dort sitzt Tanja ganz ruhig in ihrem Ohrensessel, die grauen Augen sanft geschlossen. Mit einem Seufzen nimmt Marika am Sofa Platz, Tanja gegenüber. Sie lächelt der Vitrine zu. Und lässt auch ihre Lider sinken.

Samstag, 6. November 2010

Museo

Ich war den ganzen Tag durch die majestätischen Säle gewandelt, hatte mich winzig gefühlt zwischen den Meisterwerken, aber nicht weniger unsterblich. Hatte nach Erkenntnissen gesucht, in der kindischen Hoffnung, einen Zusammenhang des Schönen, ein Rezept zu finden in den Klängen der Farben, den Momenten, die Jahrhunderte gewährt hatten. Hatte aufmerksam der Geschichte jedes einzelnen Blickes gelauscht, bis mein eigener vor Anstrengung schon ganz verschleiert war, bis ich den einen nicht vom anderen unterscheiden und keine Szenerie im Ganzen mehr erfassen konnte. Erschöpft setzte ich mich schließlich auf eine der Bänke, in deren Blickfeld mir die ganze lange Flucht der Museumssäle noch gewaltiger erschien. Lange konnte ich noch nicht gesessen haben, als ich den Mann mit dem kantigen Gesicht neben mir bemerkte kam es mir vor, als hätte ich mich schon zu ihm auf die Bank gesetzt. Die Situation war mir unangenehm, ich wollte aufstehen und mich Anderem zuwenden, im Grunde wollte ich überhaupt schon gehen. Einen Sekundenbruchteil aber, bevor ich mich in Bewegung setzte, sah der Mann zu mir hinüber und sagte: "Guten Tag." Erschrocken blickte ich zurück, aber zu mehr war ich auch nicht im Stande. Ich erstarrte in dieser dramatischen Pose - ganz wie die Figuren in Öl und Leinwand rund um mich erstarrt waren.
 Dann, einige Sekunden später, brachte ich ein Räuspern und so etwas wie ein winziges Nicken fertig, und schließlich, noch etwas später, auch eine Art vokalisches Geräusch. Der Mann lachte ein kleines, schelmisches Lachen und fragte mich: "Haben Sie Zeit für einen Ausflug?" Zugegeben, ich war neugierig, welcher Art ein Ausflug mit diesem Fremden sein sollte, der offenbar willkürlich Menschen im Museum ansprach. Ich schüttelte dennoch den Kopf. Nein, ich hätte schon vor Stunden gehen wollen. Der ältliche Mann wandte das Gesicht ab und wog das Gewicht der Entscheidung in einer weich federnden Geste: "Es liegt mir fern, Sie von Wichtigerem abzuhalten. Nur eines verspreche ich Ihnen: Wenn sie jetzt aufstehen und gehen, werden Sie für den Rest Ihres Lebens an dieser Entscheidung zweifeln." Der Kerl missfiel mir zusehends. Wozu wollte er mich erpressen, und weshalb gelang es ihm so gut? "Wohin führt uns der Ausflug?" fragte ich. Er zuckte näckisch mit den Schultern. "Das meine Liebe, hängt allein an Ihnen."
 Ich war inzwischen sicher, dass es sich um die Avancen eines alten Schwerenöters handelte, er hatte mir meine ganzen schönen Kunstgedanken schon beinahe vertrieben, grollend erhob sich meine Alltagshaltung aus dem Taumel meiner Sinne. Im selben Moment schien der Fremde seltsam zu verblassen, das dunkle Sofa trat aus dem hellen Hemd hervor. Sieh an, ein handfestes Hirngespinst, sagte ich zu mir selbst und beobachtete interessiert das offensichtliche Dahinschwinden meines Verstandes. Schnell schickte ich alle Logik dorthin, wo der Pfeffer wächst und siehe da, der Mann gewann wieder Struktur. "Wer sind Sie?" fragte ich, misstrauisch und doch begeistert. Er lachte wieder. Er schien immer zu lachen, wenn er sprach. "Haben Sie sich diese Frage nicht gerade selbst beantwortet?" "Aber Namen kann ich Ihnen keinen geben." "Es wird sich einer finden", gab er zur Antwort und sprang auf, viel flinker, als ich es ihm zugetraut hätte. Er streckte mir seinen Arm entgegen, in einer altmodischen Höflichkeit, die ich an jedem Anderen kritisiert hätte. "Wohin?", ich zögerte noch, seiner Einladung zu folgen, ich war nicht sicher, ob ich alle Orte sehen wollte, an die er mich bringen konnte.
 "Vielleicht habe ich Zweifel über unsere Reisegemeinschaft offen gelassen, ich möchte mich in diesem Falle entschuldigen: Ich bin Ihr Begleiter, Sie selbst sind es, die unsere Expedition leiten wird." "Expedition?" "An einen beliebigen Punkt, den Ihr Vorstellungsvermögen hervorzubringen vermag." "Und an beliebig viele?" Zum ersten Mal lag etwas anderes als Heiterkeit in seiner Stimme, etwas wie Bedauern, als er verneinte. "Bloß an einen. Aus allen Möglichkeiten müssen Sie die Eine wählen. Zu diesem Zeitpunkt jedenfalls." Und aus dem letzten Satz lugte schon wieder ein Zipfel schelmischen Lachens. Ich überlegte. Ein Ort? Zögernd nahm ich seinen Arm. Seltsam, dachte ich, dass wir keiner Menschenseele begegneten, wenige Minuten zuvor war ich ständig über Reisegruppen gestolpert, hatte mich durch Schulklassen gekämpft. In einem Nebenraum, der mir zuvor nicht aufgefallen war, schlug er einen samtenen Vorhang zur Seite und gab den Blick frei auf zwei Fenster, die in den angrenzenden Park wiesen. Fragend blickte ich ihn an. "Es wird nichts geschehen, wenn Sie es nicht wünschen." leise, beschwichtigend sprach er in mein Ohr und wies mit der linken Hand zwischen die beiden Fenster. Da bemerkte ich sie: Die nahezu unsichtbare Tapetentür, die, sofern man in dieser Situation dem Raumgefüge hätte trauen können, direkt aus dem dritten Stock ins Freie führen musste. Ein Ort.
Die Berührung meiner Fingerspitzen reichte aus, den Eingang aufspringen zu lassen. Wir schritten hindurch, wie selbstverständlich machte ich meine Augen zu, gleich hinter uns fiel die leichte Tür mit einem winzigen Geräusch ins Schloss. Ein diffuses Rauschen drang an meine Ohren - nicht unmelodisch, es hätte eine Sinfonie sein können, ebenso gut aber der Klang einer vertrauten Stimme, das Surren einer Waschmaschine im Schleudergang, plätscherndes Wasser oder Vogelgezwitscher. Das Geräusch ging schier nahtlos in ein fühlbares Prickeln über, als wäre ich in ein Glas Zitronenbrause gefallen. Elektrizität, schoss es mir durch den Kopf, da öffnete ich unwillkürlich meine Augen. Ich fand mich an einer Küste wieder, deren Anmutung mir zunächst nicht anders als bleiern zu beschreiben in den Sinn kam. Spröde Felsen, feiner Kies, der wogende Ozean, ja selbst die Wolken am Himmel schienen aus hell schimmerndem Blei gegossen, und in Sekundenschnelle abgekühlt, erstarrt in der Bewegung. Die jenem Orte innewohnende Lebendigkeit hatte doch mehr mit Quecksilber gemein als mit schwerem Blei, in dem Surren lag die Sehnsucht nach Berührung und Veränderung, als wolle alles hier zur Verwandlung genutzt werden, ohne sich deshalb auf eine Gestalt festzulegen. Eine Weile stand ich da und staunte, vergaß vor Verblüffung beinahe zu atmen. Zu meinen Füßen lag eine große, bleierne Muschel. Ich hob sie auf, sie erschien mir leichter als eine Feder. Auf meinen Fingerspitzen balancierte ich das schöne Gebilde, und als ich sie rasch unter ihm wegzog, da verharrte es einige Momente an jener Stelle, bis es seinen langsam kreiselnden Sinkflug antrat. Unten angekommen aber zerbarst die Muschel wie eine Vase auf dem Steinboden. Stücke stoben nach allen Seiten auseinander, doch kamen sie nicht wieder auf, vielmehr veränderten sie ihre Form zu silbrigen Kugeln, von Murmel- bis Tennisballgröße, und flogen hinaus über den glitzernden Ozean, wie Seifenblasen aus Quecksilber. Ich sah mich nach meinem Begleiter um, der in höflichem Abstand zu mir stehen geblieben war und still, aber mit zuckenden Mundwinkeln, das Geschehen beobachtet hatte. Dankbar lächelte ich zurück. Mit einer kleinen Verbeugung reichte er mir seine Hand und ich nahm sie, denn spätestens hier waren alle meine Bedenken nichtig geworden. Mit einem Mal machte er einen Satz in die Höhe, stieg auf in die Lüfte und riss mich mit sich. Ich erschrak, wenn auch weniger, als den Umständen angemessen gewesen wäre, und als wir Hand in Hand immer höher stiegen, den Silberblasen hinterher, und das Zirpen des Weltalls, denn das und nichts Anderes musste jenes Knistern bedeuten, mich wie ein vibrierendes Luftkissen umfing, wurde ich euphorisch. "Wohin bringst du mich, du rätselhafter Fremder?" "Ich bin enttäuscht, dass du mich einen Fremden nennst." "Ach Grinsekatze, nimm es nicht so schwer. Erklär mir dann, weshalb kann ich mich nicht daran erinnern, dir je zuvor begegnet zu sein." "Wir sind uns mit Sicherheit schon hundert Mal begegnet. Früher sprachen wir wie enge Freunde. Ich hatte dein bedingungsloses Vertrauen." "Das hast du wieder." "So etwas solltest du nicht sagen. Behalte es lieber bei dir, dein Vertrauen." "Weshalb?" "Weil du sonst niemals über mich hinauswächst." Weiter sprachen wir nicht, denn am Horizont wurde ein bleierner Berg sichtbar, dessen Gipfel in Flammen stand. Darüber verschlug es mir die Sprache. Es kam mir in den Sinn, was das Ziel unserer Reise war, und ich mochte dem Gefühl kaum glauben. "Ist das...?" "...das prometheische Feuer.", er vollendete meinen Satz, feierlich, doch ohne einen Funken Sensation in seiner Stimme. "Wolltest du es nicht sehen?" "Aber wie kann all das hier existieren?" "Maße dir nicht an zu urteilen, was sein kann oder nicht. Schon gar nicht an diesem Ort, der so viel größer ist als du." "Sagtest du nicht, dies sei ein Ort aus meiner eigenen Phantasie?" "So ist es. Aber wolltest du nicht eben aus diesem Grund hier herkommen, um zu erfahren, welcher Quelle sie entspringt?" "Nur wie kann etwas größer sein als ich, wenn es doch aus mir kommt?" "Du glaubst es gründet sich in dir und hört an deiner Nasenspitze wieder auf?" Daraufhin lachte er lauter und länger und herzlicher, als ich es seiner koketten Heiterkeit zugetraut hätte.
 Wie kurz oder wie lange wir bis zu dem Berg geflogen waren, vermochte ich kaum zu sagen. Es hätte sich um Sekunden, oder auch um Stunden handeln können. Als wir direkt über der Bergspitze schwebten, erkannte ich in den Flammen einen Tempel von der Größe eines Gartenpavillons. Wir schwebten sanft in die äußere Umfriedung des kleinen Gebäudes und standen mitten in den meterhohen Flammenzungen, von Hitze unberührt. Im erhöhten Zentrum, einem spitz überdachten, von vier Säulen begrenzten Quader, stand einsam eine Marmortafel, auf der, wie konnte es anders sein, eine Inschrift schimmerte. Diesmal lächelte ich zuerst. "Was werde ich dort lesen?" "Was du lesen willst." "Nein, wenn du ein Freund bist, dann halte mich nicht länger hin: Was ist das hier? Verliere ich völlig den Verstand?" "Wenn es ein Wahn ist, was nützte es dir dann, mich, als einen Teil davon, danach zu fragen? Weshalb liest du nicht erst die Inschrift, und entscheidest dann." "Und wenn ich an das glaube, was dort geschrieben steht?" "Dann wird es wohl Teil deiner Wahrheit sein. Jetzt und hier." "Meiner Wahrheit?" Er trat ganz nah an mich heran. Sein Lächeln war ernsthafter geworden. Ehrlichkeit lag in seinem Blick. Er flüsterte: "Ein verwobener Faden, im Geflecht des fein gesponnenen Universums. Nicht mehr, nicht weniger, als jeder andre auch." Da hielt ich die Spannung nicht länger aus. Ich trat vor die Tafel und las:
Du hauchst der Welt Leben ein,
wo du sie als wahr empfindest.
Ich las es fünf Mal, zehn Mal, bis mir die Knie weich und bleischwer wurden und ich vor der Tafel niedersank. "Ich fürchte, das wird zu viel für mich. Sag mir doch endlich, wo wir hier sind!" "Es ist dein Ort. Du hast ihn benannt und ausgewählt." Angestrengt dachte ich nach - woran hatte ich gedacht, als wir durch diese Tür gegangen waren? "Das Vorstellungsvermögen... du sagtest, wir gehen an einen beliebigen Ort, den mein Vorstellungsvermögen hervorzubringen vermag. Ich wollte wissen, woher es kommt." "Hast du gefunden, was du gesucht hast?" Ich überlegte. "Ich glaube nicht, dass ich wirklich wusste, wonach ich da fragte." "Wenn du nicht wusstest, was du gesucht hast, dann hast du hier auch nichts gefunden. Denn letzten Endes kannst nur du selbst dir deine Antwort geben. " Er küsste meine Hand zum Abschied, und begann wieder zu verblassen. Ich erschrak. "He, warte!" rief ich. Und ich rief es laut. Während ich mich noch fragte, warum all diese Menschen mich anstarrten, begriff ich, dass ich wieder auf der dunklen Couch im Museum lag. Wieder - oder nicht viel mehr: Noch immer? Der feuchte Fleck an meiner Wange hatte jedenfalls ähnliche Ausmaße wie der an der Sofalehne, ich wischte meinen Mundwinkel trocken und rieb mir einen Moment lang die Augen. Hatte ich das alles nur geträumt? Benommen stand ich auf und verließ umgehend das Gebäude. Ich musste all das aufschreiben, und es dann schnellstmöglich vergessen, das sagte ich mir. Wie hatte die Inschrift noch einmal gelautet? Im Museumspark patrouillierten zwei seltsam epochenlos verkleidete Gestalten, die allerlei Führungen, Rundfahrten und Sight-Seeing-Tours feilboten. Ich hätte sie kaum bemerkt, hätte der eine der beiden nicht einen unglücklichen Schritt rückwärts getan, während ich seine Bahn mit überhöhter Geschwindigkeit kreuzte. So aber drehte er sich um nach dem Hindernis, was mich in die Lage brachte, meinen Lichtjahre entfernten Blick einzufangen und auf ihn zu richten. Da erkannte ich ihn. Ich schnappte nach Luft. "Sie..." Der Promoteur entschuldigte sich höflich und ging seiner Wege. Und auch wenn es nichts zu bedeuten hatte: Als ich ihm nachstarrte, zwinkerte er mir aus der Ferne zu.

Montag, 1. November 2010

Voyager

Diesen Joint hätte ich vielleicht nicht mit Menschen rauchen sollen, vor denen man so furchtbare Angst haben muss. Aber wir haben die Bestie doch ganz gut im Zaum gehalten, waren übertrieben höflich, freundlich, könnte man sagen, haben uns sogar anregend unterhalten. Alles war gut und noch besser als ich erwartet hätte. Beim Verarbeiten dieser Information sind meine kognitiven Schaltkreise so ausgelastet, dass für jede weitere Tätigkeit nur noch die instinktiven Notagregate zur Verfügung stehen. Gar kein Problem, ich kenne das Terrain, könnte schwören, dass ich es gänzlich ohne Bewusstsein passieren könnte. An der Bushaltestelle stehen zu bleiben fällt mir schwer, deshalb gehe ich auf und ab, erwarte dass das Nachdenken dadurch leichter werde, ähnlich dem Verdauen. Zwinge mich angesichts des kognitiven Ausnahmezustandes zum Stehenbleiben, Unterprozesse greifen nicht lange, ich gehe wieder, aber anders, ich habe eine bestimmte Zielrichtung - korrigiere: Zugrunde liegt kein Ziel-, sondern ein Fluchtpunkt: Etwas wuselt um die Ecke, mein visuelles System greift auf die kognitiven Speicher zu... es ist... dunkel... es hat... Beine... mehr als es sollte... es hat... ein Ziel: mich! Eine gigantische Spinne! Reaktion unmittelbar erforderlich! Errechne Reaktion... : SOFORT UMDREHEN!!! 
Die alte Frau erstarrt dreißig Zentimeter von meinem Gesicht entfernt. Der Bus kommt um die Kurve. Sie sieht mich an, ich glaube: Schuldbewusst. Ich verpasse ihr einen Borg-Blick: Widerstand ist zwecklos! Sie dreht sich um ihren Gehstock und stakst dreibeinig auf den Bus zu, in ihn hinein, ich bleibe hinter ihr, auf Abstand, zwinge sie, sich in die vorderste Reihe links zu setzen, wo ich sie gut im Blick habe. Ich nehme zwei Reihen hinter ihr Platz und bewache sie. Da, sie dreht sich nach mir um! Ihr Nacken ist flinker als meiner - ich kann ihren Blick nicht stellen. Aber ich könnte schwören, ihr Gesicht war länger zu mir gedreht als ihr Genick. Weil ich gelernt habe, das so etwas nicht real ist, beginne ich, das Spiel zu genießen. Jetzt kann ich sie unmöglich aus den Augen lassen. Sie bemerkt es, da bin ich sicher. Nach wenigen Stationen, die nur schwach in mein Bewusstsein flackern, denn die Stimmen im Bus sind viel lauter als die grauen, tausendmal gesehenen Bilder vor dem Fenster, beginnt die Alte, mit mir zu sprechen. Sie dreht den Hals wieder zu mir und bewegt ihre Lippen - doch die Worte verlassen ihren Mund nicht. Ich reguliere am Pegel der Umgebungsgeräusche herum, sie werden dumpfer, sind weg: Wenn ich noch ein bisschen genauer hinhören würde... was, wie bitte, können Sie das noch einmal sagen? Zu spät. Während ich noch versuche, die Transmission zu entschlüsseln, steigt sie aus - und ist mit einem Mal verschwunden. Doch etwas hat sie im Bus hinterlassen, sie ist nicht zur Gänze gegangen, eine Essenz, die sich mit anderen vermischt. Mein Lächeln gefriert, als ich die beiden Fahrkartenkontrolleure bemerke - raus! Zu spät: Neben mir sitzt jemand, ich bin paralysiert, starre sie an, wie sie letzte Vereinbarungen vor ihrem Angriff treffen. Einen Augenblick später sind sie als Sportler entlarvt. Der eine hebt eine große, eckige Nylontasche mit der einen, und den Klotz aus meiner Magengrube mit der anderen Hand hoch. Sie setzen sich. Meine Starre hält an, und ich frage mich, welcher Gerechtigkeit es folgt, dass ich heute nicht beim Schwarzfahren erwischt werde. Aber mein Gerechtigkeitsempfinden scheint auf eine Art sehr einverstanden zu sein, deshalb habe ich keine weiteren Bedenken. Ich habe meine Station verpasst.
Meine Präsenz in der  äußeren Gesellschaftswelt ist reduziert, ich kann durch die anderen Fahrgäste hindurchgehen, ohne dass sie mich bemerken. Ich steige viel zu weit oben aus. Als die Tür aufgeht, strömt mir eine traurige Balkanmelodie entgegen. Sie kräuselt sich durch die Straßen und hallt von hunderten Fensterscheiben wieder. Eine zeitlang läuft sie mir nach, wann genau sie verschwindet, kann ich nicht sagen. Ich trage eine Schauerwolke vor mir her, den Hügel hinunter. Menschen blicken mich an, mit weit aufgerissenen Augen drehen sie sich um, die Quelle ihrer Beengung zu lokalisieren, todernst starre ich zurück. Auslagen, Krimskrams, Matratzen, Spielzeug für Erwachsene. Eine automatische Tür registriert mich mit einem höflichen Klicken, doch am Wochenende arbeitet sie nicht. Augen starren mich an, als ich um die Ecke gehe, unsere Blicke treffen sich, als wäre ich zu spät zu einem Rendez-Vous erschienen. Was sage ich dir? Mein Blick weicht aus. Kinderschühchen, glitzernde Schmetterlingsmagneten, denen sich selbst zu halten völlig ausreichend als Lebenszweck erscheint. Rhytmisch tanzende Plastikblumen, bunt angeschmierte graue Wände, grau angeschmierte bunte Wände. Viele Menschen stehen an der nächsten Busstation. Messerscharf schließe ich in einem Sekundenbruchteil, mache einen Uhrenvergleich mit dem Fahrplanaushang. In einer Minute kommt er.  Ungeduldig zappeln meine Beine, Stillstand erfordert viel mehr Energie als Bewegung. Der Bus ist noch nicht da. Gehen oder Warten? Ungeduld wird bestraft. Bequemlichkeit
auch. Was wohl aus der Alten geworden ist? Ich entschließe mich zu gehen, ich habe mit mir selbst noch Einiges zu klären. Anfangs warte ich noch auf den frustrierenden Anblick des vorbeifahrenden Busses. Dann ist es mir egal. An der nächsten Busstation warten wieder viele Menschen, ich lobe mich selbst für meine Entscheidung. Das Gehen tut gut. Etwas ist hell, es hat eine Farbe - unangenehm, pink. Ein Neonschild. Blumenläden, so viele Blumenläden, so viele Blumen, die in der Kälte stehen und sich über den Winter lustig machen. Hat gerade jemand etwas obszönes zu mir gesagt? Wie ein Bote ziehe ich von Station zu Station und die Wartenden verstehen ohne das ich ein Wort sage ... Zwischen dem Chinarestaurant und dem Reisebüro läuft jemand meinen exakten Antiweg. Fasznierend groß, faszinierend dünn und schlacksig, auf eine unwahrscheinlich steife Art, sein Kopf ist ihm zu groß und seine Brille noch einmal. Er mag es nicht, wie ich ihn anstarre, er kommt auf mich zu, ich beschleunige, weil ich Angst habe, dass wir uns bei einer Kollision neutralisieren würden. Während er mich in den Bann seiner Langsamkeit zieht, bringt er meine grüne Ampel zum Blinken. Zeitgleich mit mir überquert er im Neunziggradwinkel die Straße. Ich entkomme ihm. Gerade als ich in meine Gasse einbiege, bleibt der Bus auf der anderen Straßenseite stehen. Was für eine Lektion! Es wäre doch schade, wenn man die Logik des Universums verstünde... Pinkes Neonschild! Datenbanksuche abgeschlossen, Herkunft: BIPA, Billigparfümerie. Was hatte das dort eigentlich zu suchen?!